Gesundheitliche Folgen von Gewalt

Gewalt macht krank! Körperliche und psychische Folgen von Gewalt

Körperliche Gewalt kann zweifellos zu einer Vielzahl von mehr oder weniger schwerwiegenden Verletzungen führen, psychische Gewalt weitreichende Schäden an der Seele des Opfers hinterlassen.

Aber nicht nur diese unmittelbar erlittenen Verletzungen beeinflussen die Gesundheit von Gewaltopfern negativ, vielmehr beginnt durch das Erleben des gewaltträchtigen Geschehens ein längerer Leidensweg. In internationalen und nationalen Studien konnten die langfristigen negativen gesundheitlichen Folgen von Verletzungen durch interpersonelle Gewalt eindrucksvoll belegt werden. Es gibt inzwischen kaum mehr Zweifel daran, dass Gewalterleben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von psychischen Erkrankungen darstellt. Dabei wird davon ausgegangen, dass ungefähr ein Drittel der Menschen, die Gewalt im Erwachsenenalter erleben, an längerfristigen psychischen Problemen wie z.B. einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD, PTBS), Depression, somatoformen Störungen (körperliche Beschwerden, die sich nicht oder nicht hinreichend auf eine organische Erkrankung zurückführen lassen), oder Suchtmittelgebrauch leiden.

Gewalt und deren Folgen

Immer mehr Studien finden auch einen Zusammenhang zwischen körperlichen Verletzungen durch Gewalt und negativen Folgen für physische Gesundheit. Dabei gibt es deutliche Hinweise darauf, dass derart verletzte Personen beispielsweise häufiger unter chronischen Schmerzen, Migräne oder Magen-Darm-Beschwerden leiden als Menschen ohne Gewalterleben. Gewalterleben in der Kindheit und Jugend kann mit einem erhöhten Vorkommen von chronischen körperlichen Krankheiten, beispielsweise der koronaren Herzerkrankung, im Erwachsenenalter einhergehen. Ebenso geht Gewalterfahrung mit deutlichen Beeinträchtigungen im beruflichen, sozialen und familiären Bereich des Lebens einher.

Bisherige Forschungsergebnisse weisen im Hinblick auf den medizinischen Schweregrad einer Verletzung aus, dass auch als medizinisch minder schwer bewertete Verletzungsbilder im Kontext mit einem interpersonellen Übergriff durch eine dem Opfer emotional nahe stehende (oder ehemals nahe stehende Person) ein subjektiv schwerwiegenderes Erleben der Gewalt erzeugen als ein unfallbedingtes Trauma. Wird eine spezifische Verletzung, z.B. der Hand, nach Gewalt in den Blick genommen, so fanden Studien für 33% der Patientinnen und Patienten mit einer Handverletzung eine posttraumatische Belastungsstörung oder eine Depression und damit verbunden eine negative Auswirkung auf die Heilung und den gesamten körperlichen Zustand.

Andere Studien konnten feststellen, dass Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen nicht nur ein höheres Risiko haben, ein körperliches Trauma zu erleiden, sondern auch nach dem Trauma häufiger länger stationär behandelt werden müssen. Mögliche Einflussfaktoren, die zu Erhöhung der psychischen Erkrankungen bei Gewaltopfern führen, werden u.a. in den neurobiologischen Folgen traumatischer Erfahrungen vermutet. Allerdings wurden bei den bisherigen Studien Gewalterlebnisse meist nur rückblickend aus der Selbsteinschätzung der Betroffenen erhoben oder vorrangig die primären Folgen durch die Gewalteinwirkung in den Blick genommen. Zudem ist die Klassifikation der Gewalterlebnisse in den einzelnen Studien oft sehr heterogen und inhaltlich auf interpersonelle Gewaltformen, wie z.B. sexuellen Missbrauch, eingeengt.

Es fehlt leider bisher an prospektiven Studien, die differenziert Art und Ausmaß des Gewalterlebens, spezifische Situationsbedingungen und mögliche Begleitfaktoren und deren mögliche Langzeitfolgen, im Besonderen hinsichtlich der Bedeutung in der Entstehung und dem Verlauf psychischer und körperlicher Krankheiten erheben.

Behandlungsvoraussetzung

Um eine optimale Behandlungsstrategie individuell durchführen zu können, müssen die gesundheitlichen und psychosozialen Folgen von Verletzungen bzw. der Gewalt an sich möglichst früh erkannt und betreut werden. Bei Versorgungskonzepten für Verletzte ist es zudem bedeutsam, dass diese in den meisten Fällen zunächst Hilfe im Rahmen der ärztlichen Primärversorgung des Gesundheitssystems (Hausarzt, Klinikambulanzen) suchen. Unter diesem Aspekt erscheint die Untersuchung der Folgen von Verletzungen im Kontext mit dem Auftreten oder der Verschlechterung körperlicher und/oder seelischer Krankheiten dringend relevant. Opfer interpersoneller Gewalt haben einen über die übliche medizinische Versorgung hinaus reichenden spezifischen Betreuungsbedarf, der bedauerlicherweise nach wie vor nicht in ausreichendem Maße in den Strukturen und Handlungsleitlinien des hiesigen Gesundheitssystems abgebildet ist. Dies gilt insbesondere bei vorbestehenden komorbiden psychischen Störungen und wiederholten Retraumatisierungen.